Wirtschaftliche Nachhaltigkeit – „Mit Herz an die Sache gehen – das ist der Schlüssel“

Walter Spruck war viele Jahre als Qualitätsbeauftragter in der Industrie tätig. Heute ist er selbständiger Nachhaltigkeitsberater, mit aktuellem Arbeitsschwerpunkt auf dem Bereich Ernährungskultur. Er ist Mitbegründer von 2N2K e.V., dem „Netzwerk Nachhaltigkeit in Kunst und Kultur“ und seit 2015 Leiter des „Institut für Nachhaltigkeit in Kultur und Tourismus“ in Kassel.…

Walter Spruck war viele Jahre als Qualitätsbeauftragter in der Industrie tätig. Heute ist er selbständiger Nachhaltigkeitsberater, mit aktuellem Arbeitsschwerpunkt auf dem Bereich Ernährungskultur. Er ist Mitbegründer von 2N2K e.V., dem „Netzwerk Nachhaltigkeit in Kunst und Kultur“ und seit 2015 Leiter des „Institut für Nachhaltigkeit in Kultur und Tourismus“ in Kassel.

Immer wieder beschäftigt Walter Spruck sich mit der Frage, wie soziale und ökologische Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit vereinbar sind – und hat uns dazu im Rahmen eines Interviews Frage und Antwort gestanden. Vielen Dank für Ihre Einblicke!

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Sind nachhaltige Veranstaltungen zwangsläufig wirtschaftlich weniger erfolgreich?

Kurze Antwort: Nein! Auf keinen Fall.

Längere Antwort: Die Annahme kommt vermutlich aus der Zeit, als nachhaltig mit ‚aufwändig‘ und ‚exklusiv‘ – also teuer – gleichgesetzt wurde. In den siebziger Jahren konnte ich z.B. beim Aufbau eines Naturkostladens mitwirken. Damals bedeutete biologisch hochpreisig. Ca. 2010 hielt der Begriff Nachhaltigkeit in der Marktwirtschaft seinen Einzug. Er hat dabei einen größeren Bedeutungskreis als zuvor der Begriff ökologisch, doch schleppt den Ballast von ‚teuer‘ noch mit sich. Denn nicht zu vergessen: Das Abwehrverhalten in Wirtschaft, Politik und verschiedenen Gesellschaftskreisen, denen die sich beginnende gesellschaftliche Veränderung suspekt war, drückte sich auch in dieser Bewertung aus.

Doch natürlich kann eine nachhaltige Veranstaltung auch wirtschaftlich erfolgreich sein! Bedingung ist, dass sie in der Konzeption ein wirtschaftlich denkendes Unternehmen ist. Es ist an uns, eine wirtschaftlich erfolgreiche Organisationsform zu etablieren, von der alle Beteiligten und Betroffenen Nutzen haben und dabei nicht geschädigt werden!

Was würden Sie einem Event raten, um als Veranstaltung wirtschaftliche Nachhaltigkeit mit den sozialen und ökologischen Dimensionen von Nachhaltigkeit auszubalancieren?

Langfristig denken, sich ständig verbessern, klare, ambitionierte Ziele setzen und mit Emotionen und Herz an die Sache gehen – das ist der Schlüssel.

Man sollte jedes Event als bedeutsames Ereignis auf der Reise zu einem gemeinsamen Ziel begreifen, die Entwicklung langfristig und als Prozess sehen. Wobei das Ziel im Umkreis der Beteiligten zu sehen ist, auch evtl. der Stadt oder Region.

Den Planeten zu retten, überfordert uns. Wir brauchen erreichbare Ziele auf dem Weg, die langfristig in ihrer Vernetzung den Gesamterfolg bringen.

Erzählen Sie uns eine Anekdote, eine Geschichte aus der Praxis zum Thema Vereinbarkeit von Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit bei Events?

Ja, mir fallen direkt zwei Beispiele ein:

Im Oktober 2014 organisierten wir im Frankfurter Gallus Theater in Zusammenarbeit mit ETC, dem damals führenden Hersteller von bühnentauglichen LED-Scheinwerfern, einen Showcase: Das erste komplett ausgestattete Theater mit neuester Technik, begleitet von einem eigens dafür choreographierten Tanz der Delattre Dance Companie. Das hessische Umweltministerium unterstütze die Veranstaltung. Viele Interessierte kamen aus ganz Deutschland. Das Einsparpotential der Leuchten lag bei 70 bis 80 Prozent.

Alle waren begeistert. Das Personal des Theaters konnte erheblich Arbeitsstunden reduzieren. Dennoch dauerte es ungeachtet der offensichtlichen Vorteile viele Jahre, bis eine energieeffiziente Technik sich in Deutschland durchsetzen konnte.

Zweites Beispiel:

Ziel eines Projekts mit einer großen Kinokette war es, die Abfallmenge, insbesondere bei Kunststoffbechern deutlich zu reduzieren. Ich konnte einen runden Tisch aller Beteiligten organisieren – aus den mindestens sieben Stationen der Wertschöpfungskette eines Kunststoffbechers von Materialentwicklung von Fertigung, über Gebrauch bis Entsorgung. Dabei stellte sich heraus, dass es keinerlei Kommunikation untereinander gab. Alle arbeiteten im Blindflug. Die Materialentwicklung wusste nicht, wie sich das Material in der Entsorgung verhielt.

Die Lösung: spülbare Mehrwegbecher, die über 50x zirkulieren und so Abfall reduzieren.Wir müssen mit unseren Fragestellungen unbedingt die Zusammenarbeit mit der Industrie suchen: Lösungen einfordern, aber auch beiderseitigen Nutzen fördern.

 

Interview: Lea Jahneke

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